• Marco Papajewski

Bunte Republik Neustadt 2019 - Quo vadis BRN?

So schnell sie sich ankündigte, so schnell war sie auch schon wieder vorbei. Auch dieses Jahr fand die Bunte Republik Neustadt wieder im Juni statt und begeisterte wie schon in den 29 Jahren zuvor viele tausende Besucher. Für mich als Berliner, der ja gerne seine Anonymität zu schätzen weiß, war es im letzten Jahr wie das Eintreten in eine andere Welt, als ich von dem traditionsreichen Straßenfest in Mitten der Dresdener Neustadt hörte. Fröhlich tanzte man miteinander und trank die eine oder andere Brause mit Menschen, die man noch nie gesehen hatte. Fabelhaft, bleibt man ja auch irgendwie beim Mayfest oder dem Karneval der Kulturen ja doch irgendwie unter sich. Begeistert war ich aber vor allem von dem herzlichen Einsatz und den vielen liebevollen Ideen, die die Bewohner der Neustadt in Ihre Stände packten. Zweifelsfrei konnte ich als Aussenstehender im letzten Jahr nicht beurteilen, ob dies wirklich das berühmte alternative Straßenfest ist, welches seit fast 30 Jahren zu einer festen Instutition geworden ist oder es sich hier doch auch um den kommerziellen Erfolg handelt, von dem man in so manchem Facebook-Kommentar lesen durfte.

Alles anders und doch gleich?

In diesem Jahr, meiner zweiten BRN also, war irgendwie alles ein wenig anders als im Vorjahr und doch irgendwie gleich. Wieder bewunderte ich die vielen imposanten Stände, sah die unzähligen Bühnen und DJs und wurde quasi von alleine mitgerissen von der Weltoffenheit und Toleranz, die von alleine in der Luft zu liegen schien.

Dennoch blieb auch mir nicht verborgen, dass die Stimmung einer gewissen Schizophrenie unterlag. Auf der einen Seite erlebte und warb man vielerorts für viele alternative Projekte, gab sich umweltbewusst und machte sich für eine nachhaltige Zukunft stark.

Auf der andereren Seite fielen mir gerade auf dem Weg nach Hause auch die vielen Müllberge aus Plastik auf, die die Besucher an den Straßen hinterließen. Ist dies also die Nachhaltigkeit unserer Generation, von der wir aktuell auf den Demos dieser Welt reden und für die wir uns so stark machen? Oder ist uns eine grüne Welt dann doch einfach nur egal, sobald es um unseren eigenen Spaß geht? Eine Antwort auf diese Frage kann ich an dieser Stelle nicht finden, auch, weil dieses gesellschaftspolitische Thema keines ist, welches man auf der BRN lösen kann. Auch wäre es fatal, den Organisatoren hier einen Vorwurf zu machen, denn schlussendlich ist es auch an jedem selbst ein wenig für ein besseren Morgen zu sorgen.

Schon Kommerz oder immer noch alternatives Straßenfest?

An zweiter Stelle blieb für mich dann noch die Frage, ob die Bunte Republik Neustadt wirklich das alternative unabhängige Straßenfest ist, fern von jedem Kommerz, von dem ich hier im letzten Jahr so schwärmte. Hatte ich diese Frage 2018 noch mit einem klaren ja beantwortet, schwenke ich in diesem Jahr auf ein klares nein um. Nicht, weil mir die BRN in diesem Jahr nicht gefallen hat; ganz im Gegenteil sogar. Ich beantworte die Frage deshalb mit nein, weil ich nachvollziehen kann, dass sowohl Privatpersonen, Anwohner wie Unternehmen auch ihr Geld verdienen wollen und an der einen oder anderen Stelle sogar müssen. Wer lehnt schon gerne einen kleinen Zusatzverdienst ab, wo Mieten, Lebensmittel und Lebenskosten zunehmend schwer zu finanzieren sind. Und so steht der vorhandene Kommerz für mich in keinem Gegensatz zu einem tollen Straßenfest, welches nach drei Jahrzehnten auch etwas mit der Zeit gehen muss. Natürlich ist dieser Kommerz, einhergehend mit dem Kapitalismus, kein Allheilmittel und natürlich wird der eine oder andere Nostalgiker sich "die guten alten Zeiten zurück wünschen". Warum aber nimmt man sich dem zunehmendem Kommerz nicht an und erfreut sich der Tatsache, dass er auch Leute anzieht, die sonst nicht den Weg zur BRN finden würden. Schlussendlich ist die BRN eine große Bewegung, an der viele tausende Menschen partizipieren.

Für eine weltoffene Gesellschaft und Toleranz!

Für mich als Berliner Jung, der ja quasi selbst nur ein Gast auf diesem Fest ist, ist es schön zu sehen, dass die BRN ein munteres Miteinander an unterschiedlichsten Menschen und Kulturen vereint. Größe, Geschlecht, Hautfarbe, sexuelle Gesinnung, all das ist an diesen drei Tagen absolut egal. Gerade in Zeiten, in denen Rassismus und Egoismus wieder zunehmen auf der Welt, ist es ein schönes Zeichen, dass es weiterhin Anlässe gibt, die Menschen vereinen können. Mir ist es egal, woher die Menschen kommen und was ihre Motivation ist, an der BRN teilzuhaben. Nur als eine demokratische, weltoffene Gesellschaft werden wir es aus meiner Sicht schaffen, Parteien und Gruppierungen aussen vor zu lassen, die sich gegen eine multikulturelle Gesellschaft aussprechen. Wo ist denn die so genannte Alternative, die angeblich die neue Stimme des Volkes ist? Genau, zum Glück nicht da. Und das ist auch gut so.


Auch 2020 werde ich im Juni wieder nach Dresden fahren. Ich werde meine Zeit bei Freunden in der Neustadt verbringen, mich darüber aufregen, dass die Leute um 2 Uhr nachts in die Vorgärten urinieren und ich werde es vielleicht schade finden, dass nicht jeder Straßenzug gleich hübsch geschmückt ist. Natürlich kann und darf einem etwas nicht gefallen. Das ist Demokratie, das ist Meinungsfreiheit. Und war das nicht einst auch einer der Hintergründe für die Gründung der Bunten Republik Neustadt - jeder ein wenig wie er mag!? Ich bin stolz auf jeden Einzelnen, der seinen Teil dazubeiträgt, dass Dresden, dass Sachsen und das Deutschland ein Land bleibt, in dem jeder frei leben kann. Danke BRN für ein geiles Wochenende.


  • Facebook
  • Twitter
  • YouTube
  • Instagram

© 2020 by Marco Papajewski.